23.04.2016

„Die Teilnahme am Straßenverkehr ist heutzutage gefährlicher als eine Narkose!“

Moderne Anästhesieverfahren und postoperative Schmerztherapien sind sicher und unabdingbar für die Genesung

Glücklicherweise gehören die waghalsigen Experimente der Anästhesievor mehr als 150 Jahren der Vergangenheit an. „Die heutigen Formen der Betäubung sind vielfältig, individuell auf Patient und Diagnose abgestimmt und absolut zuverlässig, Schmerzen zunehmen und den Patienten gut durch seine Operation zu bringen“, sagt Dr. med. Ulrich Katt, Chefarzt der Abteilung Anästhesie und Intensivmedizin des Vinzenzkrankenhauses Hannover. „Heutzutage braucht kein Patient, selbst im hochbetagten Alter, Angst vor einer Narkose zuhaben. Eine Reiseimpfung bringt vergleichsweise ein viel höheres Risiko mit sich oder die Teilnahme am Straßenverkehr.“

Dies ist dem medizinischen, aber auch dem technischen Fortschritt geschuldet: Modernste Arbeitsplätze mit Monitoring-Funktionen, also die Überwachung der Herzfrequenz, des Blutdrucks, der Sauerstoffsättigung des Bluts und der Atemfrequenz, sind heute Standard. „Wir haben zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle über alle lebenswichtigen Funktionen des Körpers, messen das Narkosetiefenstadium und können gegebenenfalls jederzeit eingreifen“, so Dr. Katt. „In unserem Haus messen wir immer die Hirnströme des Patienten – in Österreich ist das vorgeschrieben, aber nicht zwingend in Deutschland. Wir halten es für sinnvoll und nutzen diese Möglichkeit im Sinne der Sicherheit des Patienten.
“Doch bevor es in den OP geht, kümmert sich der Anästhesist bereits bei der OP- Vorbereitung und Planung um den Patienten und erklärt ihm die Art der Betäubung, ob eine Vollnarkose notwendig oder eine Teilnarkose ausreichend ist. Bei Teilnarkosen ist beispielsweise eine Regionalanästhesie bei kleineren Eingriffen an Hand, Unterarm, Fuß und Unterschenkel sinnvoll, oder eine Periduralanästhesie für Eingriffe an Bauch, Becken, Unterleib und Beinen sowie eine Spinalanästhesie für Eingriffe unterhalb des Rippenbogens. „Der Glaube, ein krankes Herz verträgt keine Vollnarkose, ist übrigens ein Irrglaube“, stellt Dr. Katt klar. „Im Gegenteil: Je kranker das Herz, desto „voller“ sollte die Narkose sein! “
Die weit verbreitete Angst, insbesondere die Teilnarkose würde nicht richtig wirken, da der Arztnicht punktgenau das Betäubungsmittel spritzen kann, ist heutzutage auch völlig unbegründet: „Das Vinzenzkrankenhaus war das erste, das in Hannover die Regionalanästhesie mithilfe des Ultraschalls eingeführt hat“, betont Dr. Katt. „Mit dem Ultraschall lassen sich periphere Nervendetailliert darstellen – das erlaubt uns eine schnelle Durchführung der Regionalanästhesie und reduziert das Komplikationsrisiko auf ein Minimum.
“Zudem kann der Patient auch viel zum Gelingen der Operation an sich und der Narkose beitragen: „Ein offenes Arzt-Patientengespräch im Vorfeld über alle Vorerkrankungen, Medikamenteneinnahmen und Unverträglichkeiten, aber auch über Ängste und Unsicherheiten ist ganz entscheidend“, erklärt Dr. Katt. „So können wir passgenau die Narkose planen und entsprechend anordnen, gewisse Medikamente wie ACE-Hemmer gegen hohen Blutdruckwegzulassen, oder aber auch aufklären, dass Betablocker beispielsweise meist weiter genommen werden sollten.
“Sollte es nach der Operation zu Schmerzen kommen, ist dies zunächst eine normale Reaktion des Körpers. „Schmerzen sind für uns Menschen lebenswichtig und haben eine Warnfunktion, dass eine Belastung vorliegt“, weiß Ulrike Born, Oberärztin der Anästhesie im Vinzenzkrankenhaus und Spezialistin im Bereich Schmerztherapie. Ziel einer erfolgreichen postoperativen Schmerztherapie ist es, Komplikationen durch die Schmerzen zu vermeiden, um eine schnelle Genesung zu erreichen. „Der Schmerz darf dem Patienten nicht den erholsamen Schlaf kosten oder seine Bewegungsmöglichkeiten einschränken“, betont Born.
Deshalb ist es üblich, dass der Patient nach der Operation in regelmäßigen Abständen Schmerzmittel erhält, beispielsweise Novalgin, Ibuprofen, Paracetamol oder Metamizol. Die Dosierung ist dabei auf den Patienten und die Art des Eingriffs abgestimmt. „Ist diese Basistherapie nicht ausreichend, haben wir die Möglichkeit, über einen Venenzugang eine gesicherte Pumpe anzuschließen, über die der Patient ein Schmerzmittel direkt intravenös erhält“, so Born. Hier ist es auch möglich, dass der Patient die Dosierung je nach Bedarf über eine PCA-Pumpe anfordern kann. Durch die Voreinstellungen wird ausgeschlossen, dass der Patient sich aus Versehen zu viel von dem Mittel verabreicht.
Eine andere Art der Schmerztherapie kann im Rahmen von großen Operationen auch die Regionalanästhesie sein, bei der ausschließlich und gezielt der schmerzende Bereich betäubt wird: „Der Vorteil ist dabei, dass schon während der OP Schmerzleitungen unterbrochen werden, sodass das Gehirn erst gar einen Schmerz registrieren kann“, erklärt Born.
Letztendlich ist der vertrauensvolle und ehrliche Austausch zwischen Arzt und Patient auch für die postoperative Schmerztherapie entscheidend für die Heilung. „Sprechen Sie jederzeit die Schmerzen an“, appelliert die Schmerzspezialistin. „Nur im Austausch können wir adäquat reagieren und Ihnen bestmöglich helfen.“