27.11.2015

„Das Einzige, was Sie falsch machen können, ist nichts zu tun!“

Kardiologen des Vinzenzkrankenhauses Hannover informierten umfassend über den plötzlichen Herztod und Herzinfarkt

Hannover, 27. November 2015
Das Thema Herzinfarkt liegt den Hannoveranern am Herzen – das zeigte sich in der hohen Besucherzahl der Informationsveranstaltung am Dienstagabend, 24. November 2015, zu dem die Herzspezialisten des Vinzenzkrankenhauses Hannover im Rahmen des Herzmonats 2015 eingeladen hatten. Dr. Christian Zellerhoff, Klinikdirektor Innere Medizin und Chefarzt der Kardiologie, begrüßte zahlreiche Interessierte sowie die ehrenamtlichen Vertreter der Deutschen Herzstiftung, Brigitte und Ludwig Arnold, die diverse Informationsmaterialien rund um das Thema Herzgesundheit bereit hielten. 

Dass bei einem Herz-Kreislauf-Zusammenbruch wirklich jede Sekunde zählt und – im wahrsten Sinne des Wortes – eine beherzte Hilfe des Umfelds Leben retten kann, zeigte Dr. Petra Wucherpfennig, Leitende Oberärztin, zu Beginn eindrucksvoll in einem Videofilm, der einen plötzlichen Herztod eines Mannes mit allen typischen Symptomen mitten im Einkaufszentrum darstellt. „Aufgrund Herzrhythmusstörungen wie das Kammerflimmern mit 300 bis 600 Schlägen pro Minute gerät das Herz aus dem Takt und das Blut wird nicht mehr in ausreichendem Maße durch den Körper gepumpt“, erklärte sie. „Besonders das Gehirn leidet sehr schnell darunter und es kommt zur Bewusstlosigkeit. Deshalb ist ein sofortiges Eingreifen lebensnotwendig.“ Der plötzliche Herztod ist mit 70 000 bis 100 000 Fällen pro Jahr die dritthäufigste Todesursache in Deutschland, oft liegt eine koronare Herzkrankheit zugrunde, das heißt eine Verkalkung der Herzkranzgefäße, oder Herzrhythmusstörungen. Aber auch ein überstandener Herzinfarkt oder Herzklappenfehler können den plötzlichen Herztod verursachen. „Nur bei jedem dritten Fall kommt es zur Wiederbelebung“, mahnte die Herzspezialistin. „Zögern Sie nicht, rufen Sie den Notarzt über 112 und beginnen Sie sofort mit der Herzdruckmassage, fünf Zentimeter tief in den Brustkorb, 100 Mal pro Minute, bitte so lange bis der Notarzt kommt. Sie können nichts falsch machen – nur, wenn Sie nichts tun!“ Der Notarzt wird und muss den Patienten dann mit einem Defibrillator behandeln, um das Herz wieder in den lebensnotwendigen Rhythmus zu versetzen. „Sollte ein Defibrillator vor Ort sein, das ist beispielsweise in öffentlichen Räumen wie U-Bahn-Stationen der Fall, greifen Sie zu“, appellierte die Kardiologin. „Das Gerät, auch AED genannt, ist ganz einfach zu bedienen zeigt automatisch an, was Sie zu tun haben.“ 

Im Gegensatz zum plötzlichen Herztod ist beim Herzinfarkt die Durchblutung eines oder mehrerer Herzkranzgefäße nicht mehr gewährleistet, so dass die Pumpfunktion des Organs gefährdet ist. Wenn der Blutfluss nicht schnell wiederhergestellt werden kann, sind die Herzmuskelzellen nach spätestens zwei bis vier Stunden abgestorben. Der Herzinfarkt ist immerhin mit 48 Prozent Todesursache Nummer eins in Europa. „Ursache ist meist eine Gefäßwandverkalkung der Herzkranzgefäße, die Arteriosklerose, die auch als koronare Herzkrankheit bekannt ist“, so Dr. Wucherpfennig. „Arteriosklerose verursacht Angina pectoris Beschwerden, also das Gefühl der Brustenge. Wenn diese Beschwerden länger als fünf Minuten anhalten, rufen Sie unbedingt sofort die 112 und äußern Sie deutlich Ihren Verdacht auf einen Herzinfarkt – dann wird der Notarzt automatisch hinzugezogen.“ Sie betonte auch hier, dass jede Minute zähle, um den Verlust von Herzmuskelgewebe zu verhindern. „Warten Sie nicht, wenn Sie nachts Brustenge, Herzrhythmusstörungen oder Kurzatmigkeit verspüren, bis zum nächsten Morgen, oder auf Montag, wenn es Ihnen am Wochenende schlecht geht. Ihre Überlebenschancen sind gut, wenn Sie innerhalb der ersten Stunde im Krankenhaus behandelt werden – wir Mediziner nennen das die ‚Golden Hour‘.“ Sie warnte zudem ausdrücklich davor, sich vom Partner, Nachbarn oder Freunden, also Laien, ins Krankenhaus fahren zu lassen, oder sich schlimmstenfalls sogar selbst hinter das Steuer zu setzen: „Die Gefahr für schwere Herzrhythmusstörungen und damit Kammerflimmern ist viel zu groß!“ Das Umfeld solle sofort mit der Herzdruckmassage beginnen und den Betroffenen nicht allein lassen. 

„Wir im Vinzenzkrankenhaus Hannover stehen Ihnen 24 Stunden mit unserem Herzkatheterlabor zur Verfügung“, erläuterte im Anschluss Oberarzt Dr. Jan Bernd Schüttert. „Das ist Ihre erste Station, wenn Sie mit Verdacht auf einen Herzinfarkt zu uns kommen. Seit Beginn des Jahres 2015 nehmen wir auch an der deutschlandweiten Studie FITT-STEMI teil, um die Qualität der Behandlung von Infarkten prüfen zu lassen und nach aktuellen Standards zu sichern.“ „Dabei geht es um die gesamte Rettungskette – vom Erstkontakt über die Notfallnummer 112 über Rettungsassistenten und Notärzte bis hin zu den Abläufen in der Klinik“, fügt Dr. Zellerhoff hinzu. „Wir wollen, dass Herzinfarktpatienten noch schneller und besser als bisher versorgt werden.“ 

Nur mit der Herzkatheteruntersuchung lässt sich die genaue Lage und Ausdehnung von Herzkranzgefäßveränderungen feststellen. Hierbei wird ein dünner Plastikschlauch unter Röntgenkontrolle und Kontrastmittelgabe bis in die Herzkranzgefäße vorgeschoben und das verengte Gefäß mit einem Ballon aufgeweitet. „Wir gehen überwiegend über die Leiste und nicht über den Ellenbogen oder das Handgelenk, weil es der einfachste Weg ist“, erklärte Dr. Schüttert. 

Um eine erneute Engstellung zu verhindern, setzt man bei akuten Beschwerden zusätzlich eine Gefäßbrücke, den Stent, ein. Er informierte über die unterschiedlichen Arten und deren Einsatzmöglichkeiten: „Seien Sie aber sicher, egal ob Metallstents mit oder ohne Beschichtung, sie sind gleich wirksam und werden individuell nach der Krankengeschichte eingesetzt.“ 

Begleitend sei dazu bei allen Patienten immer eine Therapie mit Medikamenten notwendig wie Blutverdünner mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS), die eine Gerinnselbildung verhindern, und Statine, die die Bildung von Cholesterin blockieren und erhöhte Cholesterinwerte senken. Bei Bedarf könnten auch Betablocker als Blutdrucksenker oder ACE-Hemmer bei zusätzlicher Herzschwäche verordnet werden. „Insbesondere das ASS müssen Sie lebenslang nehmen und es nicht einfach absetzen“, betonte er am Schluss des Vortrags. „Sollten Sie sich Operationen unterziehen müssen, sprechen Sie bitte dringend darüber mit Ihrem Kardiologen.“