21.10.2020

Das Jahr der Pflegenden und Hebammen 2020 (Oktober): Seelisch gesund bleiben in der Pflege

Ein Interview mit dem Seelsorger Torsten Algermissen

                                                                                                                                                                        
Im Vinzenzkrankenhaus Hannover möchten wir das Jahr der Pflegenden und Hebammen 2020 feiern und im Zuge dessen über aktuelle Themen aus unserem Hause und den Bereichen Pflege und Gesundheit informieren. Weitere Einblicke finden Sie auch in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins DAS VINZENZ.

 

Mit der Pflegearbeit wird oft das Wohlbefinden und die Versorgung der Patienten assoziiert- doch wie steht es um die Gesundheit der Pflegekräfte selbst? Mehrere Studien zeigen, dass Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, besonders häufig von seelischen und körperlichen Beschwerden betroffen sind (Deutsche Ärztezeitung). Ein wichtiger Faktor bei seelischer Belastung ist der Austausch mit Kollegen oder Vertrauenspersonen. Wie dieser Prozess aussehen kann, erzählt uns Seelsorger Torsten Algermissen.

Herr Algermissen, Sie sind einer der Seelsorger hier im Vinzenzkrankenhaus. Wie ist die Seelsorge organisiert?
 

Bei Bedarf sind wir für alle Mitarbeitenden da, sowohl telefonisch als auch persönlich. Die meisten Kontakte finden im Haus, sozusagen zwischen „Tür und Angel“ statt. Wenn ein Thema ausführlicher besprochen werden soll, gibt es selbstverständlich die Möglichkeit, sich bei uns im Dienstzimmer zu verabreden. Darüber hinaus findet dienstags in der Kapelle immer die spirituelle Atempause für eine heilsame Unterbrechung der Arbeit statt. Pilgern und geistliche Tage sind auch eine Möglichkeit, wieder neue Energie zu tanken und sich mit den eigenen Ressourcen zu beschäftigen.

In welchen Situationen kommen Pflegekräfte zu Ihnen?

Pflegekräfte sprechen uns immer mal wieder in belastenden Situationen an, die oft ein starkes Gefühl in ihnen hervorgerufen haben. Dann kann es manchmal für sie hilfreich sein, einen Gesprächspartner zu haben, dem sie ihren Ärger, ihre Trauer oder Verunsicherung erzählen können. Das ist in den meisten Fällen schon eine große Entlastung. Hier sind auch nicht unbedingt nur die Seelsorgenden gefragt. Diese Gespräche finden auch unter Kolleginnen und Kollegen statt.

Was belastet die Pflegekräfte am meisten?

Die Gespräche beziehen sich nicht nur auf dienstliche Themen. Pflegende – und natürlich alle anderen Mitarbeitenden auch – tragen Sorgen, Befürchtungen, Konflikte und Krankheitserleben in der Familie oder im Freundeskreis mit sich und können dies alles im Dienst nur bedingt zur Seite legen. Bei den Seelsorgenden kann man dann ein offenes Ohr finden. Das Erzählen bringt dann oftmals schon Entlastung. Bei den dienstlichen Themen gibt es unterschiedliche Schwerpunkte. In einem ethischen Bereich stellen sich Fragen nach Sinnhaftigkeit und Fortführung von therapeutischen Maßnahmen auch angesichts des Patientenwillens. „Warum darf die alte Dame nicht sterben?“ oder „Der Patient äußert doch immer wieder, dass er das alles nicht möchte.“ Für Pflegende ist es oftmals schwer auszuhalten, dass für Sterbende nicht immer ein Einzelzimmer zur Verfügung steht, in dem Angehörige auch in Ruhe Abschied nehmen können. Auch leiden Pflegende daran, dass manchmal wenig Zeit für Gespräche mit Patientinnen und Patienten bleibt, gerade auch in Sterbesituationen. Auf der Organisationsebene gibt es natürlich auch Konflikte, die Pflegekräften zusetzen. Wenn der Dienstplan ausgedünnt ist und zusätzliche Schichten übernommen werden müssen, bringt das Mitarbeitende auch schon einmal an die Grenze der Belastbarkeit. Unübersichtliche Arbeitsabläufe und mangelnde Absprachen untereinander oder zwischen den Berufsgruppen und Abteilungen sind kräftezehrend. Weitere Belastungssituationen sind manchmal auch die Angehörigen von Patienten. Pflegekräfte stehen immer in vorderster Front und müssen sich die Kritik anhören, die sie gar nicht betrifft. Die Erwartungen von Seiten der Patienten und Angehörigen sind auch schon mal sehr hoch und nicht zu erfüllen. Pflegende geraten hier schnell in einen Rechtfertigungsdruck. Auch die große Verantwortung gegenüber den Patientinnen und Patienten kann manchmal belastend sein. Nach einer schwierigen Situation müssen sie sehr schnell wieder „funktionieren“ und sich den anstehenden Aufgaben zuwenden. Das lässt sich trotz aller Professionalität nicht immer „wegstecken“.

Haben Sie in den letzten Jahren bestimmte Veränderungen bezüglich der angesprochenen Themen wahrgenommen?

Vor einigen Jahren empfanden Mitarbeitende in der Pflege häufig, dass ihre Anliegen nicht zeitnah bearbeitet wurden und es Unklarheiten in der Organisation gab. Der Wechsel in der Pflegeleitung hat die Themen positiv verändert und sie tauchen nur noch vereinzelt auf. Seit Beginn der Pandemie gab es natürlich noch mal neue Fragestellungen und Sorgen, mit denen wir konfrontiert wurden. Anfangs war eine Verunsicherung da, ob genügend Schutzkleidung zur Verfügung steht und ob wir dem möglichen Ansturm der Kranken gewachsen sind. Auch die Frage, in welcher Form Mitarbeitende sich schützen können spielte eine Rolle. Dazu kam die Sorge, Angehörige, die eventuell zur Risikogruppe gehörten, anzustecken.

Erleben Pflegekräfte häufig Konflikte mit Patienten? Wie gehen sie damit um?

Konflikte mit Patientinnen und Patienten sind wohl an der Tagesordnung. Menschen, die krank und pflegebedürftig sind, haben natürlich auch Ängste und bestimmte, manchmal sehr spezielle Bedürfnisse. Den Erwartungen, die Menschen an ein Krankenhaus haben, können Mitarbeitende nicht immer entsprechen. Das ist natürlich ein guter Nährboden für Konflikte.  Pflegekräfte haben gelernt, mit solchen Situationen umzugehen.
Im stressigen Alltag ist es dennoch nicht immer einfach, professionell zu reagieren, zumal wenn man sich persönlich angegriffen fühlt. Fortbildungen zum Thema „Kommunikation in Konfliktsituationen“, die ja auch bei uns im Haus angeboten werden, reflektieren aufkommende Spannungen und zeigen Wege auf, wie eine Kommunikationskrise entschärft werden kann.

Was raten Sie den Pflegekräften?

Pflegende sprechen mit mir nicht in erster Linie, um einen Rat zu bekommen. Das entspricht auch nicht unserem Seelsorgeverständnis. Hilfreich kann ein Gespräch sein, wenn wir gemeinsam eine Lösung oder eine Vorgehensweise finden könnten. Darüber hinaus ermutige ich Mitarbeitende gerne das Gespräch mit ihren Konfliktpartnern zu suchen. Gemeinsam können wir dann überlegen, wie man ein solches Gespräch beginnt. Bei ethischen Konflikten ist es möglich, das Klinische Ethikkomitee anzufragen. Aus meiner Sicht sollten sich Pflegende nach belastenden Situationen eine kurze Auszeit zum Durchatmen zu nehmen – soweit das natürlich machbar ist. Kolleginnen und Kollegen bringen dafür meistens Verständnis auf.

Was ist aus Ihrer Sicht bei der Seelsorge wichtig?

Es ist wichtig, einfach von der Belastung zu berichten. Allein im Erzählen verändert sich oftmals der Blick auf die Situation und andere, weiterführende Aspekte kommen ins Bewusstsein. Abgesehen vom aufmerksamen Zuhören ist der diskrete Umgang mit Aussagen unabdingbar. Wichtig ist meines Erachtens nach auch die Erfahrung, dass mein Gegenüber mich ernst nimmt. Eine Kollegin aus der Pflege fasste es mal so zusammen: „Die Seelsorge ist so etwas wie ein Kummerkasten“.