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Leben schenken

Bis zu 1.500 Kinder kommen jedes Jahr im Vinzenzkrankenhaus zur Welt. Wir begleiten mit der leitenden Hebamme Sara Ritter eine Geburt im Kreißsaal.

 

Hebammen unterstützen die werdende Mutter während der WehenWenn Sara Ritter morgens um 6 Uhr den Frühdienst im Kreißsaal beginnt, weiß sie noch nicht, was sie erwartet. Jeder Tag ist anders. In der Frühbesprechung übergeben die Kolleginnen vom Nachtdienst an die nächste Schicht, erläutern, wie viele Frauen da sind, und machen eine Übergabe. „Wir versuchen dann zu schauen, wer eine Frau vielleicht schon am Vortag betreut hat, dann wird diese auch von derselben Hebamme weiterbetreut.“ Insgesamt 26 Hebammen und drei medizinische Fachangestellte sind für die Paare im Kreißsaal da. Bis zu 1.500 Kinder kommen pro Jahr mit ihrer Hilfe im Vinzenzkrankenhaus auf die Welt. Sara Ritter wechselte 2016 in das Haus. Die Liebe zum Beruf fand sie nach den Geburten ihrer eigenen Kinder, als sie während des Studiums zur Sonderschulpädagogin eine Hebamme bei Hausgeburten begleitete. Sie entschied sich 1996, ihr Studium abzubrechen und stattdessen eine Ausbildung zur Hebamme zu machen. Mit drei anderen Hebammen gründete sie 2004 das Geburtshaus Eilenriede, zuvor arbeitete sie als freiberufliche Hebamme mit den Kolleginnen in einer eigenen Hebammenpraxis in der Nordstadt, betreute Vor- und Nachsorgen, Hausgeburten, gab Kurse. Seit 2011 hat es Ritter wieder in die klinische Geburtshilfe gezogen: „Keine Dauerrufbereitschaft zu haben ist Gold wert! Ein Hoch auf einen Dienstplan.“ Als ihre Freundin und Hebammenkollegin aus dem Nordstadtkrankenhaus, Nazanin Saghaei, die seit der Schließung des Nordstadtkreißsaals 2015 im Vinzenz arbeitet, schwanger wurde, überredete diese sie, sich auch im Vinzenz zu bewerben. Diesen Schritt hat Ritter nicht bereut. Schnell wurde sie stellvertretende Leitung des Kreißsaals.

Frauen sollen sich wohlfühlen Mutter wird mit Massagebällen von den Hebammen massiert

Heute hat Sara Ritter ein Paar übernommen, das am Vortag zur Einleitung der Geburt aufgenommen worden ist. Nach der Einleitung über einensogenannten Cook-Katheter, der den Druck auf den Muttermund erhöht, sowie der Gabe von Angusta oral hat die Frau mittlerweile regelmäßig Wehen und der Muttermund ist geweitet. Zur Entspannung lassen Ritter und die Hebammenstudentin Judith Göbel ein Bad für die werdende Mutter ein. Gleichzeitig werden über ein CTG-Gerät die Herztöne überwacht. „Mir ist wichtig, dass sich die Frauen in unserem Kreißsaal wohlfühlen, alles soll normal und natürlich ablaufen, aber mit aller Sicherheit im Hintergrund, die ein Krankenhaus bieten kann“, so Ritter. Die Ausbildung der Hebammenstudierenden erfolgt auch während der Praxiseinsätze direkt im Kreißsaal. Zusätzlich gibt es Praxisanleitende, die die Studierenden begleiten, und die Vorlesungszeiten in der MHH. Als Leitung bringt Sara Ritter all ihre Erfahrung ein. „Ich finde es toll, dass ich meine Ideen hier im Vinzenzkrankenhaus umsetzen darf, und achte darauf, dass das Team aus Hebammen besteht, die dieselbe Vorstellung davon haben, wie wir einen geschützten Raum für Frauen schaffen. Das spricht sich herum: sowohl bei den Frauen als auch bei den Hebammen.“ Im Dezember 2023 wurde das Hebammenwesen in das immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen. „Zu Recht und überfällig“, findet Ritter. Bei der werdenden Mutter im Kreißsaal lassen die Wehen ein wenig nach. Gemeinsam mit Ritter entscheidet sie, etwas zu verändern: Sie kommt aus der Wanne, setzt sich auf einen Pezziball und hält sich an einem Tuch fest, das von der Decke hängt. So kann sie die für sie richtige Position finden, um die Wehen zu veratmen. Zusätzlich reibt Sara Ritter ihren Bauch mit einem Öl mit Eisenkraut ein. Das entspannt und regt die Wehen an.

Erfolgreich: Die Frequenz der Wehen nimmt wieder zu.

Hospitanz auf der Wochenbettstation und im Kreißsaal

Der Kreißsaal ist mit zwei bis drei Hebammen pro Schicht besetzt, für Geburten stehen vier Kreißsäle zur Verfügung, einer davon mit Geburtswannen. Für geplante Kaiserschnitte ist zudem eine Hebamme im Zentral-OP eingeteilt, die Nachüberwachung der Frauen mit Kindern übernimmt dann das Team des Kreißsaals. Zwei Stunden nach der Geburt kommen die Frauen auf die Wochenbettstation. „Die Hebammen und Kinderkrankenschwestern von der Wochenbettstation hospitieren bei uns im Kreißsaal und umgekehrt, damit sie sich als gemeinsames Team Geburtshilfe verstehen. Das klappt gut und sorgt für Verständnis bei den unterschiedlichen Aufgaben“, sagt Sara Ritter. Während der Arbeit gehört auch die Dokumentation zu den Aufgaben der Hebammen. Ritter schreibt immer wieder zwischendurch auf, was gemacht wurde. Ob Untersuchungen oder Hilfestellungen – alles wird im Geburtsbericht festgehalten. Zusätzlich kann anhand des CTG der Geburtsverlauf nachvollzogen werden. Eine Gynäkologin kommt hinzu, fragt nach, wie es bei der Geburt steht, und wirft auch einen Blick auf das CTG. Ärztinnen und Ärzte sind immer auf der Station vertreten und besprechen sich mit den Hebammen. Sie können auch jederzeit von den Hebammen hinzugezogen werden, wenn diese Unterstützung benötigen oder es einen Notfall gibt.

Auch in der Pause alles im Blick

Eingangsbereich des Kreißsaals

Sara Ritter wechselt kurz in den Pausenraum, um sich einen Kaffee zu holen. „Der ist natürlich alle“, sagt sie lachend. „Kaffee kochen ist auch eine unserer Aufgaben. Wir sind ja Tag und Nacht hier, und auch die Väter brauchen manchmal einen Kaffee.“ Deswegen füllt sie schnell die große Kaffeemaschine auf und sorgt für Nachschub. Im Pausenraum hängt ein Bildschirm, über den das Team jederzeit die CTG-Werte der Frauen in den Kreißsälen sehen kann. „So haben wir alles im Blick und können eingreifen. Wir haben ja keine richtigen Pausenzeiten. Wenn hier viel los ist und alle Kreißsäle belegt sind, sind wir alle gefordert.“ Es gibt aber auch Phasen, in denen weniger los ist. „Dann haben wir Zeit, Schränke zu reinigen und aufzufüllen oder medizinische Geräte zu prüfen und gründlich zu säubern.“

Zum Schichtwechsel gegen 13.30 Uhr übernimmt Hebamme Annika Strohmeier, Sara Ritter hat nun Feierabend. Die Frau mit den eingeleiteten Wehen ist nach wie vor im Kreißsaal und kennt die Hebamme schon vom Vortag. „Mit Annika ging es richtig gut voran, ich kannte sie ja schon und wir hatten uns gut verstanden“, so die Mutter später. Der Vater ergänzt: „Wir haben uns aber bei allen Mitarbeitenden sehr gut aufgehoben gefühlt.“ Dreieinhalb Stunden später wird ein Mädchen geboren. Am nächsten Tag treffen wir sie auf der Wochenbettstation wieder. „Wir sind überglücklich. Eigentlich wollten wir ambulant entbinden, aber es ist hier so entspannt und ruhig, dass wir noch länger geblieben sind.“